Vortrag über deutschbaltische Musik

Helmut Scheunchen im Hause Samson-Himmelstjerna

Kaum einer von uns konnte sich wohl wirklich etwas unter dem Begriff "deutschbaltische Musik" vorstellen, und so waren wir alle sehr gespannt, als wir uns am 18.5.2003 im Hause v. Samson zum Vortrag zusammenfanden. Prof. Helmut Scheunchen, selbst Musiker und als Cellist bei den Stuttgarter Philharmonikern, führte uns sofort in medias res mit einer Hörprobe auf CD. Der erste Eindruck war so schön, daß wir nun besonders aufnahmebereit waren für die Geschichte(n) über die baltischen Musiker, die uns Prof. Scheunchen vorstellte. Klänge von August Heinrich von Weyrauch beispielsweise erinnerten manches Mal an Schubert-Lieder, dann wieder an Sonatinen von Beethoven, und es gab reges Interesse in der Zuhörerschaft, die von Scheunchen als Demonstrationsobjekt mitgeführte CD, die er mit dem Stuttgarter Ensemble "Malinconia" eingespielt hatte, käuflich zu erwerben, was leider nicht möglich war. Zum Trost wurde uns jedoch ein ganzes Konzert in Aussicht gestellt! In dem von Scheunchen erarbeiteten Lexikon sind sie alle vertreten, die adeligen wie die nichtadeligen, die "Profimusiker" wie die "Liebhaberkomponisten", die gebürtigen Balten wie diejenigen, die "nur" ihre musikalische Karrierezeit im Baltikum absolvierten. Dort war die Atmosphäre für eine blühende Musiklandschaft besonders günstig, denn die Nahtstelle zwischen Preußen und dem Russischen Reich bot besonders gute Bedingungen für ein qualitativ hochwertiges kompositorisches Schaffen, in welchem sich Einflüsse aus deutschen Landen mit der russischen Schule verbanden. Der Nähe zum Zarenreichs mit seinem für das 19. Jahrhundert vergleichsweise liberalen, frauenfreundlichen Erziehungswesen ist es wohl zu verdanken, daß relativ viele Frauen - Scheunchen kann 40 Komponistinnen nachweisen - es zu musikalischer Meisterschaft brachten. Manch einer der Vortragsteilnehmer konnte seine Überraschung nicht verbergen, eine Ur-Ur-Großmutter in Scheunchens Lexikon zu finden, oder aber war, wie im Falle des berühmten Friedrich August v. Nottbeck, begeistert, die im Familienkreis kolportierte Kompositionsleidenschaft des Vorfahren "live" auf CD hören zu können.

 

Gerade der baltische Adel stand von je her den Künsten sehr aufgeschlossen gegenüber und betätigte sich nicht nur auf dem Gebiet der Literatur, sondern auch auf dem der Musik gern und viel. Stark vertreten unter den deutschbaltischen Musikern sind erwartungsgemäß besonders männliche, adelige "Liebhaberkomponisten", die für den Hausgebrauch auf den großen Gütern komponierten. Diese Gesetzmäßigkeit erlaubte es Scheunchen, die einzelnen Familienverbände direkt anzuschreiben und dort um Mitarbeit bei der Erfassung noch vorhandener Noten und Partituren zu bitten. Die Ausbeute aus den privaten Nachlässen war beträchtlich, aber auch aus lettischen und estnischen Archiven konnte Scheunchen reiche Ernte einfahren. Viele der dortigen Archivdirektoren sind erst durch die hartnäckige Wühlarbeit des Stuttgarters auf den reichen Schatz aufmerksam geworden, der in ihren Schränken schlummert, und haben ihrerseits nun Forschungsprojekte zum Musikschaffen des 19. Jahrhunderts und damit auch zum Einfluß der Deutschbalten in diesem Bereich angeregt. Bestürzung löste Scheunchens Klage aus, daß die bereits in Archiven wie etwa dem "Institut für Ostdeutsche Musik" in Bergisch Gladbach erfassten Handschriften durch Schließung der Archive seitens der chronisch unterfinanzierten Bundesregierung in großer Gefahr sind und nun in oftmals feuchten Fabrikräumen auf Asyl warten. Bei Kaffee und Kuchen im Anschluß an den Vortrag war man sich jedenfalls einig, daß Handlungsbedarf besteht. Hier gäbe es vielleicht für den Verband der Baltischen Ritterschaften die Möglichkeit, als Bewahrer der baltischen Kultur ganz praktisch tätig zu werden und eine bleibende Heimat für die alten Handschriften zu schaffen?

 

Kerstin v. Lingen