"Drei Mal Leben"

Ein Theaterbesuch in Bruchsal

Die Autorin Yasmina Reza
Die Autorin Yasmina Reza

Eigentlich ein ganz normaler Abend: Henri, Astrophysiker und verheiratet mit der ehrgeizigen Juristin Sonja, hat gerade den sechsjährigen Sohn Arnaud ins Bett gebracht. Doch es gibt ein Problem: Arnaud will einen Keks. Obwohl die Zähne bereits geputzt sind. Und während sich in Henri Mitleid mit dem Kind regt, bleibt seine genervte Mutter hart. Zündstoff genug für einen deftigen Schlagabtausch. Doch der wird plötzlich und unerwartet unterbrochen: Es klingelt. Mitten in die Szene platzen der großspurige Wissenschaftskollege Hubert und seine naive Frau Inès. Eine unangenehme Überraschung, denn Henri und Sonja haben die Gäste erst für den kommenden Abend erwartet. Die Gastgeber sind nicht angekleidet, statt des sorgfältig zusammengestellten Menüs gibt es Knabbereien, Arnaud quengelt unüberhörbar. Peinlich genug! Und zu allem Überfluß erwähnt Hubert einen gerade erschienenen Fachartikel zu eben dem Thema, mit dem sich Henri seit drei Jahren befasst hat, um endlich seinerseits eine Arbeit darüber zu veröffentlichen – wofür er auf die Protektion durch Hubert gehofft hatte. Das Debakel ist unausweichlich – so oder so: In ihrem Stück „Drei Mal Leben“ zeigt die Bühnenautorin Yasmina Reza drei Wege in die Katastrophe. Dabei bedient sie sich eines originellen Kunstgriffs: Sie zeigt uns die Geschichte in drei verschiedenen Versionen. Durch kleine Veränderungen in der Konstellation, im Auftreten der vier Handelnden, in Blicken oder Äußerungen verändern sich die Reaktionen, verschieben sich die Konstellationen und werden scheinbare Wahrheiten zur fragwürdigen Fassade. Von Mal zu Mal werden die Versionen schärfer, härter, abgründiger. Schließlich ist nichts, wie es anfangs schien: Auch das unterwürfige Weichei Henri kann es auf einmal mit dem zynischen Macho Hubert aufnehmen, weder Inès ist so naiv, noch Sonja so selbstsicher, wie sie sich am Anfang gaben. Dieses interessante und amüsante Stück sah die Bezirksgruppe Baden-Württemberg am 8. März 2003 an der Badischen Landesbühne in Bruchsal. Das an sich schon großartige Erlebnis wurde gekrönt durch die Mitwirkung unseres Mitglieds Philipp Baron v. Mirbach, der als narzisstischer Intellektueller Hubert brillant agierte. Kein Wunder, dass er mittlerweile an das Stadttheater Heilbronn berufen worden ist. Zum Ausklang des Abends saß man bis tief in die Nacht zusammen und erfuhr noch so manches aus der Welt des Theaters, wo auch nicht alles so ist, wie es dem Laien erscheint...