Diefenbachausstellung 2009

Karl Wilhelm Diefenbach (1851-1913) - Maler, Außenseiter oder Störer?

 

Lieber sterben, als meine Ideale verleugnen!


Wer kennt schon den Münchner Maler Karl-Wilhelm Diefenbach, 1851-1913, dessen Wahlspruch wissbegierig macht?
Knapp 20 Teilnehmer der Bezirksgruppe Bayern und ein Sondergast aus Bonn folgten der Einladung von Alexandra Baronesse Wolff am 26. Nov. 09 und unterzogen sich einer Flut von Eindrücken aus Werken und Vita eines Sonderlings, ausgestellt im Museum Villa Stuck.
Geführt von einer ausgezeichneten Kunsthistorikerin, die über Diefenbach promoviert hat und zugleich Kuratorin der Ausstellung war, erhielt der Gast Wahrnehmungen, die interessante Fragen aufwerfen:
Wer war der bisher unbekannte Diefenbach?

  • Maler oder Botschafter von Visionen?
  • Vorreiter der Vegetarier oder nur der verachtete „Kohlrabi-Apostel“?
  • Theosoph oder Atheist?
  • Prophet oder Revoluzzer?
  • Hauslehrer seiner Kinder und Schüler oder Bildungs-Autist, Verweigerer jeglicher Schulbildung?
  • Ehemann mit Trauschein oder Verkünder der freien Liebe mit 2 nicht angetrauten Frauen?
  • Vorreiter der Pazifisten oder Verweigerer jeglicher gesellschaftlicher Ordnung?
  • Aufsässiger oder Idealist?
  • „Meister“ seiner Kommune von „Jüngern“ oder Vorläufer aller Kommunarden?
    Mönchischer Kuttenträger oder -äußerlich – ein Obdachdachloser ? („Na schaun´s: A Diefenbacher!“ wurde eine zeitgenössische Karrikatur betitelt).
  • Eremit oder Asozialer?
  • Visionärer Streber nach einer ökolgischen Lebensreform oder „Spinner“ in einer braven , bürgerlichen Zeit?
  • Idealist oder Vorbestrafter?( Er wurde im ersten Nudistenprozess Deutschlands 1889 zu einer Gefängnisstrafe wegen groben Unfugs - nacktem Dasein in seinem abgelegenen Waldgrundstück in Höllriegelsreuth bei München - verurteilt).

Auch wenn jeder Ausstellungsbesucher sich diese Fragen selber beantworten musste, ergab sich der Eindruck, dass Diefenbachs weit gestreute Charakterzüge von allen diesen hinterfragten Merkmalen geprägt waren. So ist es nicht verwunderlich, dass Diefenbach aus dem damals königlichen Bayern ausgewiesen wurde und in Wien, wohin er sich mit Familie und Jüngern geflüchtet hatte, nach einer – allerdings nicht nur alleinverschuldeten - Vermögenskatastrophe sogar unter Kuratel gestellt wurde.
Die symbolistischen Bilder mit Botschaften wie „Ihr sollt nicht töten“, das Licht ist göttlich (Fidus, Jünger mit dem Bild „Lichtgebet“), „Friede“,(Löwe friedlich mit Kind), „ Der Rettung entgegen“ (seine Familie in stürmischer Not in einem Ruderboot), Tempel Humanitas (ein 250m langer Tempel, den er in Ägypten errichten wollte mit einer riesigen, steinernen Sphinx auf dem Dach) sprechen die Sprache des Meisters und seiner Ideen für eine bessere Welt.
Der graphische Fries aus Schattenrissen „Per aspera ad astra“, gefertigt 1892 zusammen mit seinem Schüler Fidus, ist sein zentrales Werk. Er hat den Titel frei übersetzt mit“Ein Lebenstraum auf rauher Bahn zu den Sternen hinein“.

Zwei Beispiele dieses Frieses von 34 ausgestellten Tafeln von je 2m Länge im Original sind hier veranschaulicht:
Im ersten Schattenriss wendet sich der sich selbst dargestellte Diefenbach, seine Kinder vor sich und Fidus hinter sich, dem anfliegenden Paradiesvogel entgegen. Der begleitende euphorische Text beginnt mit „Wieviele Tränen sind verflossen, wieviele versiegt“ und deutet darauf hin, dass die Hinwendung zum Licht, nach oben, zum Paradies führt nach einem steinigen Lebensweg.
Im weiteren, hier beigefügten Bild turnen und balancieren Mädchen, Knaben und Affen mit einem Vogel auf einem gespannten Seil: leicht, spielerisch, sogar tänzerisch, in jugendlicher Blöße „zum Vorbild, zur Freude der Menschheit“.
Beide Schattenrisse sind meisterliche Beispiele von Jugendstil-Darstellungen. Die 68m lange Reihe
aller Tafeln von je 2x1m im Original ist normalerweise im Museum von Diefenbachs Geburtsort Hadamar bei Limburg an der Lahn ausgestellt, kam aber in der Villa Stuck um vieles besser heraus.

 

Der Berichterstatter, als Ehemann einer Urenkelin von Diefenbach angehaucht von Insiderwissen aus dem Spaun-Archiv von Diefenbachs Enkel Friedolin v. Spaun, bilanziert Person und Charakter von Diefenbach eher kritisch. Der Wahlspruch „Lieber sterben, als meine Ideale verleugnen!“ klingt nach außen gut, steht aber im Widerspruch zu vielen Handlungen und Äußerungen Diefenbachs in seinen hinterlassenen, zuweilen harten, ungerechten Briefen.
Die aufgezeigten Widersprüche stellen Diefenbach mehr als einen naturalistischen Kommunarden dar als ein gültiges Vorbild und werfen Schatten auf seine Kunst.
Das Echo der Presse auf Künstler und Ausstellung konzentriert sich erwartungsgemäß mehr auf die streitbare Person als auf ihre Kunst:
Die Frankfurter Allgemeine spricht am 29.11.09 im Titel vom „Jesus von München“ , die Süddeutsche Zeitung nennt ihn den „unterschätzten Propheten in der Baumwollkutte“ oder befasst sich mit ihm in einem weiteren Artikel „Kommunarde, Vegetarier, Heilsbotschafter“.
Es ist ein großer Verdienst der Villa Stuck und ihrer Kuratorin Claudia Wagner, Diefenbach in Bildern und Dokumenten ausgestellt und publik gemacht zu haben.
Bedauerlich ist, dass von den monumentalen Diefenbach-Gemälden in der ständigen Ausstellung im Kloster Certosa auf Capri kein Exemplar nach München kommen konnte – die Villa Stuck wäre der ideale Schauplatz für wenigstens ein 4x5m großes symbolistisches Werk von beeindruckender Wirkung gewesen.
Diefenbach hat die letzten 13 Jahre seines Lebens auf Capri gelebt und ist dort durchaus produktiv gewesen.

Baronesse Wolff sei herzlich gedankt für diese Exkursion.

Jetzt weiß der Leser, wer jener bislang unbekannte Maler Diefenbach war und vielleicht auch, warum das Land Bayern seinen Künstler, den es ausgewiesen hat, bisher nicht bekannt gemacht hat...


Peter Baron Korff