Vortrag von Prof. Dr. J. von Below

Die nordischen Kriege und die baltischen Länder

An einem verschneiten Freitagabend traf sich eine stattliche Runde geschichtlich interessierter Balten im eingedeckten Vortragssaal des Eden-Hotels Wolf, das für alle gut erreichbar gegenüber des Münchner Hauptbahnhofs gelegen ist. Das Thema verhieß keine leichte Kost, doch Prof. Dr. Joachim von Below gelang es, das nach eigenen Angaben „wüste und umfassende“ Thema sehr anschaulich und kompakt zu vermitteln. Angesichts der überaus zahlreichen Irrungen und Wirrungen des 16.- 18. Jahrhunderts gelang es doch immer wieder, neue Erkenntnisse und so manche „Quintessenz“ für die langfristige Speicherung auf unserer strapazierten internen Festplatten zu platzieren.

 

Beeindruckend war zunächst die Feststellung, dass allein 16 längere Kriege in den Jahren 1554-1721 im Norden und damit auch in den Landen des heutigen Baltikum stattfanden. Als die drei „nordischen Kriege“ bezeichnete man dabei sinnvollerweise diejenigen, an denen mindestens drei Parteien teilnahmen.

 

Mit dem Ende des Ordensstaates 1561 und der livländischen Konföderation, wurden die baltischen Lande über Jahrhunderte hinweg zum Spielball Dänemarks, Schwedens, Polen – Litauens und Russlands.

 

Der erste nordische Krieg („Dreikronenkrieg oder Siebenjährige Nordische Krieg“) zwischen 1563-1570 war ein Teil des Großen Livländischen Krieges und führte sich ad absurdum, da für die Konfliktparteien Dänemark, Polen und Schweden nach dem Frieden von Stettin 1570 alles blieb, wie es war.

 

Anhand wunderschöner farbiger Landkarten konnte man erkennen, was im Folgenden immer wieder Anlass für kriegerische Auseinandersetzungen wurde: Russland kämpfte um einen Zugang zur Ostsee (hier läuteten allerlei Glocken angesichts der aktuellen politischen Entwicklung Russlands!) Der zweite Anlass gab (auch hier Glockengeläut!) der Glaubenseifer. Hier wollte Schweden mit oft brutalen Mitteln dem neuen lutherischen Glauben zur Ausbreitung verhelfen. Es folgten Kriege, die in Grausamkeit dem folgenden 30-jährigen Krieg in nichts nachstanden.

 

Dies kam vor allem im „Kleinen Nordischen Krieg“ (1655-1660) zum Ausdruck, in dem die Schweden unter König Karl X. im Missionsdrang für die lutherische Lehre in Polen einfielen und nahezu das gesamte Königreich innerhalb von 4 Monaten eroberten und im Vertrag von Königsberg zu eigen machten. Die Widerstandskraft Polens war jedoch ungebrochen, berühmt ist die Verteidigung der Schwarzen Madonna im Kloster Jasna Góra in Częstochowa durch wenige Mönche. Das war das Zeichen zu einem fanatischen polnischen Widerstand und der Rückkehr des Königs Johann II. Kasimir 1656. Durch die Beteiligung Brandenburgs und Russlands wendete sich das Blatt gegen Schweden und unter Verzicht auf beide Kronen seitens Polens und Schwedens kam es 1660 zum Frieden von Oliva. Das Baltikum war nun 1660 mit Ausnahme Kurlands und Lettgallens unter schwedischer Herrschaft.

 

Die Komplexität des großen Nordischen Krieges, der im Februar 1700 begann und 21 Jahre währte konnte selbstverständlich nur in grobe Zügen dargestellt werden, schließlich wechselten sogar im Laufe dieses großen und langwierigen Krieges einige Parteien wie das Königreich Polen-Litauen und Großbritannien mehrfach die Seiten und der Kampf um die Vormachtstellung im Ostseeraum wurde auch durch entfernte Konflikte wie den Spanischen Erbfolgekrieg beeinflusst.

 

Festzuhalten bleibt: die Allianz gegen Schweden (unter Karl XII) zwischen Peter I („dem Großen“, Russland) und August II. („dem Starken“) hatte auf die Unerfahrenheit des jungen schwedischen Königs gesetzt und hatte ihn in der ersten Phase des Krieges zunächst unterschätzt. Schweden konnte zumindest Dänemark aus dem Bündnis gegen sich ausschalten und besiegte in seinem wohl größten militärischen Erfolg Peter I. in Narwa im November 1700. Die meisten Offiziere der schwedischen Ostarmee stellte die livländische und estländische Ritterschaft, u.a. aus den Familien Wrangell , Stackelberg , Tiesenhausen , Uexküll , Vietinghoff , Pahlen und Ungern – Sternberg . Statt jedoch seine Erfolge zu festigen, begeht Karl XII. zwei entscheidende Fehler. Er verfolgt August den Starken durch Polen bis nach Sachsen und will dann Moskau einnehmen. Im „Russlandfeldzug“ der Schweden gegen Russland wurde Karl XII. jedoch in eine Falle gelockt und 1709 bei Poltawa vernichtend geschlagen. Er verbrachte schwer verletzt 6 Jahre im osmanischen Exil. Russland beendet die 100 Jahre währende Vormachtstellung Schwedens im Baltikum, lediglich Livland kann sich eine gewisse Eigenständigkeit bewahren, was die Glaubensfreiheit sowie die deutsche Sprache und eigene Gesetze betraf. Vor allem England betrachtet seither mit großer Sorge das krakenhaft sich ausbreitende russische Reich (siehe die interessante Karikatur von aus dem Jahre 1877), seine Eingriffe bleiben letztlich ohne Erfolg. Nach zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen wurde der große nordische Krieg im Friedensvertrag von Nystad 1721 beendet und gleichzeitig begann die Vormachtstellung Russlands im Ostseeraum.

 

Weder unter den vormals schwedischen noch unter den fortan russischen Landesherren hatten die Balten ein leichtes Leben. Die Härte und Brutalität des schwedischen Führungsanspruchs ließen zahlreiche Ritterschaften eher Sympathien mit dem Zarenreich hegen und zahlreiche Kooperationen eingehen, obwohl auch die russischen Kriegsherren überwiegend verbrannte Erde hinterließen.

Cordula von Ropp